Vom Abmähen der Akzeptanz

Was ist auf dem Bild zu sehen? Ich löse es gleich auf: das ist der Dorfanger in dem beschaulichen Ort, in dem ich mit meiner Familie wohne. Was macht so ein Dorfanger? In einem winzigen Ort wie unserem: Verschiedenes.

 

Zusammengefasst lässt es sich in zwei Schwerpunkte aufteilen. Erstens gibt es dort allerhand Feste. Zweitens, und das ist mit großem Abstand die Primärnutzung: es ist der Bolzplatz der Dorfjugend. Quasi morgens, mittags, abends. Zumindest in den Ferien oder an freien Tagen.

Aber was ist nun dieser komische Streifen in der Mitte? So groß und breit, dass er den Dorfanger in zwei Teile teilt? Und genau das ist der Punkt. Das wusste kein Mensch. Zumindest keiner der Benutzer. Das ist keine Hypothese, ich habe gefragt. Bei mir wohnen zwei Benutzer der Kategorie „Primärnutzer“.

Veränderungen „von außen“ führen zu Ablehnung

Das lässt also nur folgenden Schluss zu: irgendwo sitzt ein Stratege, der den Willen und das Budget hatte eine dermaßen einschneidende Veränderung in ein hervorragend laufendes System zu veranlassen.

Ohne vorher die Benutzer zu fragen.

Ich habe seit dieser strategischen Implementierung des ominösen Mittelstreifens keine Primärnutzung mehr beobachten können. Im Gegenteil, ich hatte Gelegenheit Rücksprache mit zwei Primärnutzern zu halten, es wird hart an einem Workaround gearbeitet.

Die Parallelen schon erkannt? Es wird noch besser!

Nach einigen Tagen wurde der ominöse Streifen grün! Viel schneller und anders als die Rasenfläche drumrum! Blumen womöglich. Aaaah, sagten sich einige Gelegenheitsbenutzer, meist zwar aus einem ganz anderen Fachbereich als die Primärnutzer, aber mit mit einer deutlich, deutlich besseren hierarchischen Position. Sozusagen die Vorgesetzten der Primärbenutzer.

Es entstand ein Anflug von Akzeptanz! Naja, top down halt, den Primärnutzern wurde eben ganz genau erklärt, dass man halt manchmal solche Einbußen hinnehmen müsse, wenn man Veränderungen erlauben will.

Bis zum Tag des großen Rasenmähens.

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Statt der bereits hochstehenden Blumentriebe sieht es jetzt aus wie ein Streifen Dreck. Alles abgemäht. So wie die zarten Pflänzchen der neu gewachsenen Akzeptanz.

Ich will es nicht übertreiben mit der Metaphorik. Ich bin einfach immer wieder verblüfft, mit welcher Zielsicherheit es die Chefstrategen dieser Welt es schaffen den Menschen so mit Wucht vor den Kopf zu hauen, dass sie völlig verständnislos resignieren. Völlig egal, ob es um Digitalisierung generell, den „modernen Arbeitsplatz“ oder einen Dorfanger geht.

Einfach mal nachfragen

Das Rezept ist denkbar einfach: die Benutzer fragen. Aber nicht danach, was sie sich wünschen. Nein, man muss verstehen, was sie jeden Tag tun, was sie dabei nervt, aber auch, was sie nicht missen wollen. Und dann diese Bedürfnisse und Befindlichkeiten auch TATSÄCHLICH berücksichtigen.

Und das ist viel, viel schwerer, als die meisten Unternehmen denken. Software kaufen, ja, das können die meisten. Aber sich verändern? Und Veränderung zulassen? Heieiei, dünnes Eis im deutschen Mittelstand.

Wir müssen anfangen die Benutzer zu verstehen. Jetzt.

Zwei Monate später: Rahmenbedingungen beachten!

Wie sieht es nun nach zwei Monaten aus? Ein weiterer sehr spannender Effekt wird sichtbar:

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Der Plan der Chefstrategen ging doppelt nicht auf. Nicht nur, dass die Akzeptanz der Benutzer ausgeblieben ist – in den Randbereichen der Wiese sind die Blumen erst gar nicht gewachsen, weil die Baumreihe keine idealen Bedingungen zulässt.

Was lernen wir daraus? Wenn man den Bedarf nicht hinterfragt UND die Rahmenbedingungen nicht beachtet, dann greift man doppelt ins digitale Klo. 

Aber natürlich wird jetzt nur über die schönen Blumen in der Mitte gesprochen!

Thiemo Laubach

Managing Director contexxt.ai | Head of Digital Adoption